Sind Frauen die zukünftigen Stars am Kunstmarkt?

Der Vorsprung der männlichen Künstler am Auktionsmarkt scheint für Frauen uneinholbar. Nur 2 % des Umsatzes wurden im Durchschnitt in den letzten zehn Jahren durch Kunst von Frauen erwirtschaftet. Der Rest entfiel auf Arbeiten von Männern. So erzielte nur ein einziges Werk von Pablo Picasso mit 4,8 Milliarden Dollar auf einer Kunstmarkt-Plattform − mehr als die Werke von 6000 Frauen zusammen. Das ist das Ergebnis einer Studie von Artnet und der Plattform „In Other Words“.

Dagegen empfiehlt der Berliner Galerist Johann König weibliche Künstlerinnen als die Kunstmarkt-Stars von morgen: „Wer Geld mit Kunst machen will, muss Werke von Frauen kaufen“ sagt er im Spiegel-Interview. Dabei beziehe er sich auf den Kunstkompass und eine weitere Studie von Artnet nach der viele Künstlerinnen „notorisch unterbewertet“ seien. Das werde sich in den nächsten Jahren ändern, ist der Berliner Galerist überzeugt.

Abb. 2: Helene von Taussig, Figurale Ausdrucksstudie 1920

Dafür spricht eigentlich nichts: Der Kunstbetrieb ist seit den Anfängen männlich dominiert und fördert durch seine Strukturen männliche Künstler. Weibliche Künstlerinnen, die den emanzipatorischen Aufbruch gewagt haben, wurden vielfach aus der Kunstgeschichte getilgt und erscheinen so gar nicht erst am Markt. Das zeigt das Beispiel von Mariette Lydis, Stefanie Kiesler und Helene von Taussig (Abb. 2). Nie gehört? Alle waren bedeutende Malerinnnen und Bildhauerinnnen, die die Wiener Moderne des frühen 20. Jahrhunderts entscheidend geprägt haben. Der Anteil der Frauen an den Ausstellungen der Sezession betrug ein Drittel. Eine Quote von der wir heute weit entfernt sind. Trotzdem kennt diese Künstlerinnen heute kaum Jemand.

Auch die Frauenbewegung in den siebziger Jahren konnte an dieser Situation kaum etwas ändern. Weibliche Künstler werden weit seltener wahrgenommen und ausgestellt als männliche. „Do women have to be naked to get into the Met. Museum“ (Abb. 3) fragten ironisch die feministischen Guerilla Girls auf einem Plakat im Jahr 1989. Damit prangerten sie die Geschlechterverhältnisse in der modernen Kunst und der Ausstellungspraxis an: Nur 5 % der im Metropoliten Museum in New York ausgestellten Künstler sind weiblich, aber dafür sind 85 % der nackten Figuren auf Bildern weiblich.

Abb. 3: Guerrilla Girls, Do women have to be naked to get into the Met. Museum? 1989

Die geringe Wahrnehmung von Frauen als Urheberinnen von Kunst schien bis vor Kurzem zementiert. 2018 stellten nach wie vor deutlich mehr männliche Künstler aus. Die Zahl ihrer Einzelausstellungen war insgesamt 22 % höher als die von Künstlerinnen. Beim Berliner Gallery Weekend wurden im selben Jahr 40 % mehr männliche Künstler gezeigt. Und das, obwohl es heute mindestens so viele Künstlerinnen wie Künstler gibt. Woran liegt das?

Durch die vermehrte Präsentation von Männern in Kunstgalerien werden die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Einkommen und Auktionsumsatz angetrieben. Das zeigt das Kunstkompass-Ranking der Zeitschrift Capital, das jährlich im Herbst die aktuell wichtigsten Künstler auslobt. Gemessen wird dies an ihrem Echo in der Fachwelt. Dazu zählt die Anzahl der Einzelausstellungen in einem internationalen Museen, die Teilnahme an einer der 100 bedeutenden Gruppenausstellungen wie etwa der Documenta in Kassel, Rezensionen in renommierten Kunstmagazinen, Ankäufe durch namhafte Museen, die Verleihung bedeutender Auszeichnungen und bei Skulpturen die Aufstellungen im Außenraum. Verkaufspreise spielen inzwischen keine Rolle mehr, da sie der Spekulationen unterliegen können und daher stark schwanken.

Doch nun gibt es erstmals Anzeichen für eine Veränderung. Bedeutende Museen wie das MoMa oder das Whitney Museum in New York bemühen sich um ein größeres Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Künstlern. Wichtige kulturelle Preise wie der Praemium Imperiale, also der Nobelpreis der Kunst (Kategorien unter anderem: Malerei, Skulptur) wird seit dem Jahr 2016 immer auch an eine Frau verliehen. Das zeigt nun Wirkung. Die ersten Frauen rücken in das obere Segment des Marktes vor, das zuvor von männlichen Kollegen dominiert wurde. Seit November 2019 belegen Rosemarie Trockel und Cindy Sherman Platz vier und fünf der Top-100-Gegenwartskünstler nach Gerhard Richter, Bruce Naumann und Georg Baselitz.

In der Liste der stärksten Aufsteiger rückt die Künstlerin Hito Steyerl, die auch an der Berliner Universität der Künste als Professorin für Medienkunst tätig ist, auf den zweiten Platz. Die jüngste Aufsteigerin ist Njideka Akunyili Crosby (Abb. 4). Ihr Marktwert ist inzwischen ähnlich hoch wie der vergleichbarer männlichen Kollegen. Der Kunstmarkt beginnt unterbewertete weibliche Künstler neu zu entdecken. Beispiele sind nicht nur Cindy Sherman und Rosemarie Trockel, sondern auch Cecily Brown, Marlene Dumas, Christine Ay Toe und Juli Mehret.

Abb.: Die Künstlerin Njideka Akunyili Crosby / Quelle: Bronx Museum Teen Council / CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)

Zwar haben männliche Künstler einen jahrzehntelangen Vorsprung, der nicht so leicht aufzuholen ist. Doch der Prozess hat begonnen. Frauen werden häufiger ausgestellt und bei der Verleihung von Auszeichnungen stärker berücksichtigt, ohne dass dabei ihr Geschlecht explizit betont wird. Weitere Förderung ist trotzdem notwendig, denn Frauen verfügen oft nicht über einen Netz von Geschlechtsgenossinnen, die bereits gut im System integriert sind. Zudem stehen sie sich häufig selbst Weg. Zu oft treten Sie freiwillig zurück, aus Furcht sich in den Vordergrund zu drängen. Dabei wäre genau das notwendig, um in diesem schwierigen Business gesehen zu werden. Doch nun ist Bewegung in die Szene gekommen: Junge Künstlerinnen machen sich sichtbar. Selbstbewusst vertreten sie ihre Arbeit, statt darauf zu warten, dass Jemand sie entdeckt. Unter Nachwuchskünstlern beträgt ihr Anteil schon 48 % und es gibt keine Anzeichen, dass dieser Trend aufzuhalten ist.

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Quellen:
Bloch, Werner, die verdrängte weibliche Avantgarde. Nur als Musen ins Museum, in: deutschlandfunkkultur.de (05/2019), www.deutschlandfunkkultur.de/die-verdraengte-weibliche-avantgarde-nur-als-musen-ins.976.de.html?dram:article_id=450019 (18.06.2020).
Buhr, Elke, Auktionsmarkt. 98 % männlich, in: monopol-magazin.de (9/2019), https://www.monopol-magazin.de/98-prozent-maennlich
https://www.monopol-magazin.de/98-prozent-maennlich  (16.06.2020).
König, Johann im Gespräch mit Valentina von Klencke, in: spiegel.de (10/2019), https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kunst-galerist-johann-koenig-und-auktionator-robert-ketterer-erklaeren-den-markt-a-1291489.html (16.06.2020).
Mania, Astrid, Internationaler Kunstmarkt. Weniger Umsatz, mehr Frauen, in: sueddeutsche.de (03/2020), https://www.sueddeutsche.de/kultur/internationaler-kunstmarkt-weniger-umsatz-mehr-frauen-1.4832613 (16.06.2020).
Meyer, Philipp, Kunst kommt von können – können Frauen anders?, in: nzz.ch (11/2019), https://www.nzz.ch/feuilleton/ausstellungen-von-kuenstlerinnen-koennen-frauen-anders-nzz-ld.1513117 (16.06.2020).
Rohr-Bongard, Linde, Kunstkompass: Frauen dominieren das Aufsteiger-Ranking, in: capital.de (10/2019), https://www.capital.de/leben/kunstkompass-frauen-dominieren-das-aufsteiger-ranking (16.06.2020).
Steinfeld, Daniela im Gespräch mit Ute Welty, Galeristen über Frauen auf dem Kunstmarkt. Eine Quote würde Künstlerinnen nicht helfen, in: deutschlandfunkkultur.de (11/2018), in: https://www.deutschlandfunkkultur.de/galeristin-ueber-frauen-auf-dem-kunstmarkt-eine-quote.1008.de.html (16.06.2020).
Strohschneider, Tom, Arme Künstler, ärmere Künstlerinnen: Wenn der Gender Show Gap den Gender Pay Gap antreibt, in: oxiblog.de (04/2018), https://oxiblog.de/arme-kuenstler-noch-aermere-kuenstlerinnen-wenn-zum-gender-pay-gap-noch-der-gender-show-gap-dazukommt/ (16.06.2020).
Voss, Julia im Gespräch mit Gaby Wuttke, Frauen in der Kunst, Künstlerinnen sichtbar machen, in: deutschlandfunkkultur.de (03/20), https://www.deutschlandfunkkultur.de/frauen-in-der-kunst-kuenstlerinnen-sichtbar-machen.1013.de.print?dram:article_id=472004 (16.06.2020).
(Autor nicht genannt) In Richtung Gleichberechtigung auf dem Kunstmarkt, in: artprice.com (9/2017), https://de.artprice.com/artprice-reports/der-markt-fur-zeitgenossische-kunst-2017/in-richtung-gleichberechtigung-auf-dem-kunstmarkt (16.06.2020).

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Warum jetzt der richtige Moment für Galerien ist, endlich online sichtbar zu werden

Die Situation der Galeristen ist oft ist schwierig. Es ist aufwendig, junge Künstler aufzubauen. Sechs bis acht kostenlose Ausstellungen organisiert eine Galerie pro Jahr in den eigenen Räumen. Zur Eröffnung gibt es eine Vernissage, oft mit Künstlergesprächen und Musikprogramm. Die Etablierung von Künstlern auf dem Markt kann viele Jahre dauern. Bis dahin investiert der Galerist hohe Summen. Allein die Messekosten betragen 10.000 bis 20.000 €. Dabei ist stets unberechenbar, ob dort überhaupt Arbeiten verkauft werden. Die Sammler sind unregelmäßige Käufer, denn sie haben die Wahl zwischen einer Vielzahl von Messen und Biennalen.

Ein aktives Engagement im Marketing scheuen viele Galerien, insbesondere online und in den sozialen Medien. Man lässt lieber andere über sich sprechen bzw. schreiben. Zu groß ist die Angst, unseriös zu wirken. Überdies scheint die Aura der Kunstwerke in Gefahr. Denn im Browser-Fenster stehen die Arbeiten in neuen Kontexten. Parallel zu den Seiten einer Galerie hat der Nutzer womöglich andere Seiten geöffnet wie etwa Netflix, die Nachrichten oder ein Online-Shoppingportal. In dieser Umgebung könnten die Werke von Künstlern profan wirken. Ernsthafte Interessenten und Käufer findet man auf diese Weise nicht, sind noch immer viele Galeristen überzeugt. Eine digitale Galerie ermögliche einfach nicht dasselbe Erlebnis wie der Besuch einer Brick and Mortar Galerie.

Dem lässt sich mit dem Kunsthistoriker M. T. C. Michell entgegenhalten, dass die Online-Präsentation von Kunst durchaus Vorteile mit sich bringt: Der Interessent kann das Werk am Computerbildschirm sehr genau betrachten und hinein- oder hinauszoomen. Er kann es mit anderen Werken vergleichen oder parallel weitere Informationen zum Künstler oder der Technik aufrufen. So kann die Online Präsentation sogar ein größeres Verständnis ermöglichen.

Anders als auf Kunstmessen oder Vernissagen wird der potentielle Käufer nicht von den Massen durch die Räume geschoben. Er kann sich in Ruhe in die Werke vertiefen. Dennoch können wesentlich mehr Menschen die Kunst sehen, als es offline möglich wäre. Und das insbesondere in Zeiten von Corona. Es gibt also keinen Grund, auf digitale Präsentation zu verzichten und sich durch gezielte Marketingmaßnahmen mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.

Im Netz schlummert ungehobenes Potenzial. Das beweist die Vielzahl von Portalen, die Originale oder Editionen aller Preissegmente online verkaufen. Die Beispiele reichen von Artsy über Lumas und artflash bis hin zum Kunstsupermarkt. Erfolgreiche Galerien wie David Zwirner und The Journal in New York oder König in Berlin machen es vor. Sie sind omnipräsent in den Sozialen Medien und unterhalten aufwändige 3D-Online Viewing Rooms auf ihrer Website, teils hinter einer Mailschranke. Dort bieten Sie umfangreiche zusätzliche Informationen an. Sie führen Interviews, zeigen Videos oder Podcasts, damit potentielle Kunden ihre Künstler und deren Arbeit besser kennen lernen. Und sie bieten die Möglichkeit, sofort zu kaufen. Denn viele Menschen sind bereit, auch hohe Summen für Kunst auszugeben, die sie nur auf einer digitalen Plattform gesehen haben. Dies könnten viel mehr Galerien für sich nutzen und sich so unabhängiger von der Teilnahme an Kunstmessen machen.

Eine Online-Verkaufsstrategie ist nicht zuletzt im Einklang mit dem Nachhaltigkeitstrend. Weniger Messebesucher und mehr digitaler Austausch schonen die Ressourcen. Das ist ein wichtiges Thema für die nachwachsende Generation. Auch gestandene Sammler sind inzwischen reisemüde geworden. Immer neue konkurrierende Messen und Biennalen überfordern ihren Kalender. Der Kontakt zu diesen Sammlern kann über verstärkte Online Aktivitäten gehalten werden.

Die begehrten Sammler setzen oft Schwerpunkte und besuchen nur die wichtigsten Veranstaltungen. Dabei hatte der Kunststandort Berlin im Jahr 2019 oft das Nachsehen. So blieb art berlin und die Positions hinter den Erwartungen zurück. Das bekamen auch kleine Galerien zu spüren, die sich zwar keine Teilnahme leisten können, aber von den vielen Sammlern profitieren, die die großen Events in die Stadt spülen. In diesem Jahr hatte Berlin einen Standortvorteil. Die Art Berlin und das Gallery Weekend gehen in diesem Jahr, anders als viele andere etablierte Standorte mit einem Hygienekonzept an den Start.

Trotzdem sollten viele Galerien ihr digitales Engagement professionalisieren. Wie können sie online sichtbar werden? Diese 3 Punkte sind dafür am wichtigsten:

  • Jede Galerie sollte ein klares Profil haben (Nische festlegen und als Marke kommunizieren),
  • einen Online Show Room (z.B. „Square Space“) mit Hintergrund-Informationen zu Künstlern und ihren Arbeiten aufbauen (Storytelling nutzen und Verbindung zum Publikum schaffen),
  • ausgewählte Social Media Kanäle gezielt und dauerhaft qualitätvoll bespielen und dabei aktiv mit dem Publikum interagieren (Communitybuilding)
Abb. 3 (links): The Journal Gallery bietet Hintergrund-Informationen bei Facebook-Post: Hier ein Künstlerinterview mit Chris Johanson / Abb. 4 (rechts): Der Online-Shop Tennis Ellbow bei Facebook

Die New Yorker Galerie The Journal macht es vor. Auf ihrer Facebook-Seite zeigt The Journal Gallery mehr als Bilder. Sie bietet Hintergrundinformationen über die Motivation von Künstlern und Details über einzelne Werke (vgl. Abb. 3). Parallel betreibt sie den Online Shop Tennis Ellbow (vgl. Abb. 4 ). Der ungewöhnliche Name erinnert an den Zustand, der von viel Übung herrührt. Das passt zu einem Ort, der neuen Künstlern eine Chance geben soll. Auf der Plattform Tennis Ellbow bietet die Galerie ihrer angemeldeten Community Arbeiten aktueller Künstler eine Woche früher zum Verkauf an, als sie in der Galerie zu sehen sind. Auf diese Weise schafft sie Aufmerksamkeit für neue Künstler, ohne diese durch zu viele Bilder zu verbrennen.

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Quellen:
Der Tagesspiegel, Kunstverkauft digital. Hier kommt niemand hinein, in: Tagesspiegel.de: (04/2020), https://www.tagesspiegel.de/kultur/kunstverkauf-digital-hier-kommt-niemand-hinein/25750940.html (06.05.2020).
Jarmuschek, Kristian, Sturm, Birgit Maria, Der Gau. Die Verkäufe in Galerien sind auf null gefallen, in: kulturrat.de (03/2020), https://www.kulturrat.de/corona-pandemie/lageeinschaetzungen-kulturbereiche/der-gau/ (06.05.2020).
Jarmuschek, Kristian, Sturm, Birgit Maria, The Meltdown. Gallery sales drop to zero, in: artmarketstudies.org (04/202), https://www.artmarketstudies.org/tiamsa-blog-effects-of-the-corona-crisis-on-german-art-galleries/ (06.05.2020).
Kuhn, Nicola, Art Berlin wird eingestellt Aus für Berlins wichtigste Kunstmesse, in: Tagesspiegel de (12/2019), https://www.tagesspiegel.de/kultur/art-berlin-wird-eingestellt-aus-fuer-berlins-wichtigste-kunstmesse/25323446.html (06.05.2020).
Meier, Anika, Corona in die Strichkrise. Was im Lockdown über das Digitale gelernt haben, in: monopol-magazin.de (06/2020), https://www.monopol-magazin.de/was-wir-im-lockdown-ueber-das-digitale-gelernt-haben (08.06.2020).
Moll, Sebastian, Kunsthistoriker W.J.T. Mitchell über digitale Bilder. Die ästhetische Distanzierung passt perfekt in unsere Zeit, in: monopol-magazin.de (05/2020), https://www.monopol-magazin.de/interview-mitchell-kunst-online (08.05.2020).
Rieger, Birgit, Zur Situation der Berliner Galerien. Das prekäre Geschäft mit dem Glamour, in: Tagesspiegel.de (11/2019), https://www.tagesspiegel.de/kultur/zur-situation-der-berliner-galerien-das-prekaere-geschaeft-mit-dem-glamour/25254404.html (06.05.2020).
Reger, Birgit, die Rahmenbedingungen sind nicht gut. Das Corona Virus trifft auch den Berliner Kunstmarkt, in: Tagesspiegel.de (3/2020), https://www.tagesspiegel.de/berlin/die-rahmenbedingungen-sind-nicht-gut-das-coronavirus-trifft-auch-den-berliner-kunstmarkt/25649756.html
Schneider,Tim im Interview mit Andrew Goldstein, Three ways coronavirus will transform the art world [Audio-podcast], in: artnet.news The Art Angle (03/2020); https://soundcloud.com/the-art-angle/three-ways-coronavirus-will (04.08.2019).

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7 Gründe, warum Menschen Kunst kaufen

Ein Kunstwerk ist teuer und hat keinen direkten Nutzwert. Trotzdem kaufen immer mehr Menschen Kunst. Der Markt für zeitgenössische Kunst wächst seit Mitte der 1970er Jahre kontinuierlich. Nicht einmal die Finanzkrise im Jahr 2008 konnte den Kunstmarktboom dauerhaft bremsen. Auf den internationalen Auktionen in Basel, London und New York werden immer neue Rekordsummen erzielt. So ist beispielsweise die Skulptur „Rabbit“ des US-amerikanischen Künstlers Jeff Koons mit 91,1 Millionen Dollar eines der teuersten versteigerten Werke eines lebenden Künstlers.

Doch auch außerhalb dieses Luxussegments wächst das Interesse an Kunst. Das spiegelt die große Zahl von Kunstmagazinen wie Art, Monopol, Weltkunst, Kunstforum und Texte zur Kunst, sowie die unüberschaubare Menge von Kunstmessen und Biennalen rund um den Globus. Die Digitalisierung hat neue Kundenschichten eröffnet. Jeder, der mit dem Besuch einer Brick and Mortar Galerie fremdelt, kann nun jederzeit online Kunst kaufen. Internetdienstleister wie Artnet liefern detaillierte Informationen über aktuelle Kunstmarktpreise und sorgen so für Transparenz. Das erleichtert die Recherche im Netz.

Wer sich beim Kunstkauf lieber persönlich beraten lässt, findet ebenfalls eine Vielzahl an Galerien in Deutschland. Laut einer Galerienstudie 2020 des Institut für Strategieentwicklung (IFSE) und des Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler e.V. gibt es etwa 700 professionelle Galerien in Deutschland. Etwa ein Drittel davon hat seinen Standort in Berlin. Sie vertreten ausgewählte Künstler und sind meist auf bestimmte Kunstgattungen spezialisiert. Diese Vorauswahl kann helfen, mit dem unübersichtlichen Angebot umzugehen. In der Galerie seines Vertrauens kann man das Werk eines Künstlers genauer kennen lernen und real auf sich wirken lassen, bevor man eines auswählt.

Aber warum kaufen Menschen eigentlich Kunst? Was fasziniert sie daran so sehr, dass sie großen Aufwand betreiben, um ein begehrtes Stück in ihren Besitz zu bringen. Manche Sammler reisen von Stadt zu Stadt über den Globus und besuchen zahllose Messen und Biennale, bevor sie sich für ein Werk entscheiden. Dies sind sieben Hauptgründe:

1. Sammeln als Intellektuelle Stimulierung

Eine Hauptmotivation für den Kauf von Kunst ist die Lust am Entdecken und Sammeln. Es eröffnet Zugang zu interessanten gesellschaftlichen Kreisen und einer intellektuell anregenden Umgebung. Vor dem Kunstkauf besucht ein Sammler ausgewählte Galerien, Messen und Ateliers. Er führt inspirierende Gespräche mit Künstlern und Experten. Dieser Weg zum Auffinden eines Kunstwerkes ist bereits Teil des Ziels.

Erfahrene Sammler empfehlen, zunächst das gesamte Werk eines Künstlers näher kennen zu lernen. Nur so kann man zwischen stärkeren und schwächeren Arbeiten unterscheiden und eine wirklich wichtige Arbeit aus dem gesamten auf Oeuvre auswählen. Wenn man dann noch ein gutes und nachhaltiges Verhältnis zu einem Künstler und seiner Galerie pflegt, steigt die Chance ein solches Schlüsselwerk auch zu bekommen.

Viele Sammler setzen sich intensiv mit der Theorie auseinander und haben umfassendes Hintergrundwissen, einige verlassen sich auch ganz auf ihren Instinkt. Um ihrer Sammlung Struktur zu geben, stellen sich manche Sammler sich eine besondere Aufgabe. Sie konzentrieren sich auf eine bestimmte Zeitperiode, einen Künstler oder eine spezielle Kunstrichtung. Andere lassen sich von persönlichen Vorlieben inspirieren und sammeln thematisch – etwa zum Motiv Quadrat oder zur Farbe Blau. So ein selbstgestellter Fokus stimuliert den Jagdtrieb und erhöht die Freude über jedes neue Objekt, das die Sammlung weiterentwickelt.

2. Fördern junger Künstler

Den selbstlosen Kunstmäzen gibt es wohl nicht. Jeder, der in Kunst investiert, hofft auch auf eine Wertsteigerung. Dennoch reizen neue Entdeckungen fast alle Sammler. Daher unterstützen viele Förderer noch unbekannte Künstler. Dafür braucht es den Mut, das Sicherheitsdenken loszulassen und eigene Interessen zu verfolgen.

Statt in sichere Blue Chip-Künstler zu investieren, kann man so an Problemstellungen und Sichtweisen der jungen Generation teilhaben. Der direkte Kontakt beim Besuch von Künstlerateliers schafft Raum für persönliche Gespräche. So entsteht ein wertvoller Austausch und die Chance, Künstler zu entdecken und bekannt zu machen. Oft entwickelt sich daraus eine intensive Freundschaft und ein Sammler fördert einen Künstler über einen längeren Zeitraum.

Da Museen und Kulturinstitution oft nur einen kleinen Etat für den Ankauf wichtiger Werke haben, kommt den Förderern junger Kunst eine besondere Bedeutung zu. Viele Sammler betonen, dass sie die Gewissheit zum Erhalt von Kultur beigetragen zu haben, mit Befriedigung erfüllt und ihre Lebensqualität steigert.

3. Spekulation auf schnelle Wertsteigerung

Der Kauf eines Kunstwerks kann auch als reine Anlagestrategie betrachtet werden. Der Investor sucht nach noch unbekannten aufstrebenden Künstlern und legt sein Geld in Arbeiten mit besonderem Wertsteigerungspotential an. Nach kurzer Zeit oder innerhalb von wenigen Jahren verkauft er die Kunstwerke mit möglichst großem Gewinn wieder auf dem Sekundärmarkt.

Da dieses Art Flipping nicht von Interesse an der Arbeit geleitet ist, sondern von der Spekulation auf eine schnelle Wertsteigerung, ist ein solches Vorgehen an Kunstmarkt verpönt. Häufig steigen die Preise der betroffenen Künstler zunächst steil an, um dann deutlich abzufallen. In der Folge kann ein Künstler danach für den Markt verbrannt sein.

4. Langfristige Wertanlage

Ganz im Gegensatz zu dieser kurzfristigen Strategie steht die langfristige Wertanlage in Kunst. Dabei werden etwa 5-10 % des Portfolios dauerhaft in Kunst angelegt. Hierfür werden gern Blue Chip-Künstler ausgewählt, die sich bereits am Markt etabliert haben. Sie sind besonders wertbeständig. Ein Vertrauensverhältnis zu einem seriösen Galeristen hilft beim Auffinden geeigneter Werke.

Die Wertanlage in Kunst bietet den Vorteil einer sicheren Wertanlage, an der man täglich Freude hat. Ein Original verleiht Privaträumen eine besondere Atmosphäre. Nicht zuletzt bietet diese Art der Investitionssteuerung finanzielle Vorteile, durch die Möglichkeit der Vererbung.

5. Unternehmensimage heben

Erfolgreiche Unternehmen, Großbanken, Versicherungen, Anwaltskanzleien oder Firmen aus der Kreativbranche erwerben gern Kunst, um die Philosophie Ihres Unternehmens darzustellen und Glaubwürdigkeit zu vermitteln. Sie fördern Kunst meist nach einem ausgearbeiteten Kuratorenkonzept, oft mit professioneller Beratung durch einen Art Consultant oder eine Galerie.

Kunst wertet nicht nur die Geschäftsräume des Unternehmens auf, sondern vermittelt auch Kunden und Mitarbeitern Wertschätzung und Seriosität. Die Nennung der Preise wird oft als Beleg für wirkliches Interesse an der Kunst gewertet. Daneben ist er Beleg für die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens. Die Kunst fungiert hier quasi als Brandingtool und steht für die Kreativität und den Erfolg der Marke.

Ist die Kunst dauerhaft in den Unternehmensräumen zu sehen, kann sie steuerlich abgesetzt werden und abgeschrieben werden, sofern der Einkaufswert einen bestimmten Betrag nicht überschreitet. Sollte eine Arbeit nachträglich stark im Wert steigen besteht die Möglichkeit, sie als Betriebsvermögen zu deklarieren.

6. Sammeln, Bewahren und Forschen

Dieser Dreischritt ist die klassische Aufgabe von Museen. Sie sammeln Kunst für die Nachwelt um sie zu erforschen, gegebenenfalls zu restaurieren und die Ergebnisse schließlich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Welches Sammlungskonzept ein Haus dabei verfolgt, hängt vom aktuellen Stand der Forschung und den aktuellen  gesellschaftlichen Bedingungen ab.

Die meisten staatlichen Häuser verfügen allerdings über einen vergleichsweise geringen Ankaufetat. Das macht sie zu raren Akteuren auf dem Kunstmarkt. Die weitaus größte Anzahl neuer Werke gelangt über Dauerleihgaben und Schenkungen von Sammlern in die Museen.

7. Persönliche Identifikation

Neben den privaten und institutionellen Sammlern gibt es eine Vielzahl von Einzelkäufern. Sie sehen ein Werk und erfahren darin etwas Existenzielles über sich. Auf diese Weise identifizieren sie sich mit dem Kunstwerk und entwickeln eine starke emotionale Bindung. Gelegentlich führt dies zu Spontankäufen oder auch zu weiteren häufigen Galeriebesuchen. Diese Käufer spekulieren weniger auf Wertzuwachs. Bei ihnen steht die Freude am Kunstwerk im Vordergrund.

Aber die Dekoration des Heims kann ein Antrieb zum Anschaffung eines Kunstwerks sein: Etwas Schönes besitzen, mit Kunst leben und sich täglich daran erfreuen – das ist Ziel. Darüber hinaus ist ein Kunstwerk immer Ausdruck des persönlichen Geschmacks und der Identität – es zeigt den Charakter und die Mentalität des Besitzers. Und ist nicht zuletzt ein Beleg seiner Leistungsfähigkeit.

Fazit: Die Gründe für den Kauf eines Kunstwerks sind vielfältig. Sie spannen einen Bogen von individueller persönlicher Bedeutung über die Bewahrung für die Nachwelt, die Geldanlage oder die Erfüllung repräsentativer Bedürfnisse bis hin zur Befriedigung einer ausgeprägten Sammelleidenschaft, die oft von intellektuellen Interessen angetrieben wird. In der Realität überlagern sich mehrere Gründe zur individuellen Motivation einer Person.

Die Faszination des Besitzers eines Kunstwerkes besteht in seinem besonderen Status. Es ist etwas Besonderes und ermöglicht einen Menschen, am Erfahrungshorizont des Künstlers teilzuhaben. Dessen Wissen, Gefühle und Unbewusstes vermitteln sich im Werk nicht linearer und einseitig, sondern sinnlich und vieldeutig und verändern sich über die Zeit. Jeder Betrachter bringt zudem seine eigenen Anteile zur Bedeutung des Werkes mit. Damit ist jedes Kunstwerk etwas Einzigartiges. Ein ganz persönlicher überzeitlicher Speicher von Information, der nie ganz ausgedeutet werden kann.

Sie möchten wissen, wie sich der Kunstmarkt entwickelt?  Dann lesen Sie meinen Artikel Sind Frauen die künftigen Starts am Kunstmarkt?  → Mehr hier

Quellen:
Dietrich, Gilbert Soll man Kunst kaufen? Ein Leben ohne Kunst ist möglich aber sinnlos, in: Geistundgegenwart.de (03/2015), http://www.geistundgegenwart.de/2015/03/kunst-kaufen.html (28.04.2020) /
Herstatt, Claudia, Fit für den Kunstmarkt, 2. überarbeitete und erweiterte Aufl., Ostfildern 2007.
Holzmann, Katrin Louise, Sammler und Museen. Kooperationsformen der Einbindung von privaten zeitgenössischen Kunstsammlungen in die deutsche Museumslandschaft, Wiesbaden 2016.
Huff, Cory, How to sell your art online. Live a successful creative life on your own terms, New York 2016.
Kunsthaus Artes. In Kunst investieren, in: kunsthaus-artes.de, https://www.kunsthaus-artes.de/de/in-kunst-investieren.html (12.05.2020).
Maas, Ingo, Kehler, Astrid, Kunstausstellungen organisieren. Der große Leitfaden von A bis Z, Bad Honnef 2008.
Resch, Markus, Management von Kunstgalerien, 3. Aufl., Berlin 2016.
Schimansky, Sophie, Als Geldanlage immer beliebter. Kunst nicht nur für Superreiche: Wie jetzt jeder in einen Picasso investieren kann, in: focus.de (02/2019), https://www.focus.de/finanzen/news/als-geldanlage-immer-beliebter-ein-stueckchen-vom-picasso-als-investment_id_10365873.html (18.05.2019).
Soika, Karin Ulrike, Warum beschäftigen sich Menschen mit Kunst? Oder: Ist es verwerflich, das rote Bild zu kaufen, weil es zum Sofa passt?,  in: soika.com/text (29.04.2020).
Wöbken, Hergen, Galerienstudie 2020 des Institut für Strategieentwicklung (IFSE) in Kooperation mit dem Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG), Galerienstudie 2020, (9/2020), https://www.bvdg.de/Galerienstudie_2020 (08.09.2020).

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